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Theaterstück-Rezension „Er ist wieder da“

Gepostet in Haltestelle Berlin

Berlin Tag 40

Vergangenen Mittwoch traf ich mich mit meiner schwedischen Tandempartnerin am Theater am Kurfürstendamm. Wir hatten uns für eine Komödie entschieden, da die Handlung dabei meist nicht allzu verworren ist, damit sie sich auf die Sprache konzentrieren kann.

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Offensichtlich der Kronleuchter.
Ehrlich gesagt, war es mein erster Theaterbesuch in Berlin, an den großen Häusern war ich bisher noch nicht – was ich aber bald nachholen werde! Das private Theater am Kurfürstendamm war aber trotzdem ein echter Hingucker. Es wurde 1921 eröffnet und ist eine wahre Schönheit im Stil der 20er Jahre mit süßen kleinen Logen und einem extravaganten Kronleuchter an der Decke.

Ich habe weder das Buch gelesen noch dessen Verfilmung gesehen, beides war aber sehr erfolgreich und viel diskutiert. Ich war also sehr gespannt auf die Theaterfassung von „Er ist wieder da“.
Ich habe mich mit meiner Mitbewohnerin, die den Film gesehen hat, über den Handlungsverlauf ausgetauscht. Der Film hat einen ganz anderen Plot als das Theaterstück. Im Internet habe ich mir auch eine Zusammenfassung des Buches durchgelesen, die schon eher mit der Bühnenfassung übereinstimmt. Wer also das Buch vorher gelesen hat, wird nicht enttäuscht sein.

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Die herzallerliebsten Logen.
Um es kurz inhaltlich zusammenzufassen:
Aus mysteriösen und ungeklärten Gründen landet Hitler im Berlin des 21. Jahrhunderts. Zuerst stark verwirrt wegen des Wiederaufbaus der Stadt, streift er orientierungslos durch die Straßen und findet in den Zeitungen an einem Kiosk den Beweis: Er ist irgendwie in der Zukunft gelandet.
Der Kioskbesitzer wird auf Hitler aufmerksam und hält ihn für einen Schauspieler, der seine Rolle einfach nur ziemlich ernst nimmt. Er erlaubt ihm ein paar Nächte im Kiosk zu übernachten und kontaktiert die Agentur „Flashlight“, die ebenfalls begeistert von dem vermeintlichen Hitler-Imitator ist.
Sie nehmen ihn unter Vertrag, während Hitler seine Chance wittert wieder in die Öffentlichkeit zu gelangen, um die Herrschaft des Landes erneut an sich zu reißen. Er erlangt Berühmtheit mit seinem „Comedyprogramm“, in dem er verschiedene politische Reden hält und wird über Nacht zum Youtube-Star.
Er besucht den NPD-Sitz in Berlin-Köpenick, ist entsetzt von der Partei und deren Mitglieder. Das alles wird mit Kamera festgehalten und in einer Sondersendung veröffentlicht. Daraufhin wird Hitler sogar für den Grimme-Preis nominiert.
Die Geschehnisse wandeln sich jedoch, als er von Rechtsextremisten fast tot geschlagen wird (aus Gründen, die nicht näher erläutert werden) und erwacht trotzdem wieder zum Leben.
Mit einem ziemlich prägnanten Schlussbild (der Hauptdarsteller wird von einem einzelnen Scheinwerfer beleuchtet, als er vom Boden aufschießt und ins Publikum starrt) endet das Stück.

Im Großen und Ganzen fand ich das Stück zwar gelungen, im Detail gab es jedoch ein paar Unstimmigkeiten.

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Tickets of the day.

Der Aufbau Hitlers Fernsehkarriere in seinen einzelnen Schritten jedoch ist erschreckend realistisch und plausibel. Die Menschen erkennen ihn nicht und finden seine Reden witzig, die enorm harsch und teilweise mehr als grenzwertig sind. Hitler hingegen erkennt nicht, dass er nur als Komiker wahrgenommen wird und nutzt den Hype aus, um seine Weltanschauung zu verbreiten.
Im Stück und wahrscheinlich auch im Buch wurde kein Blatt vor den Mund genommen. Das ging von Ausländerfeindlichkeit zu Judenwitzen und erzeugte Lacher, wo meiner Meinung nach keine sein sollten. Nichtsdestotrotz entstand durch das Aussehen, den Duktus des Schauspielers und seinen Äußerungen die Authentizität der Rolle. Denn wahrscheinlich hat Hitler seine Taten nie bereut und würde sie auch in dieser Zeit nicht bestreiten.

Dafür gab es aber gegen Ende des Stücks einen Einbruch. Ich weiß nicht, ob es so inszeniert oder ein Versehen war. Aber auch inhaltlich halte ich es für unrealistisch: Hitler bekommt von der Agentur eine eigene Sekretärin zur Verfügung gestellt. Sie wendet sich nach einiger Zeit zu ihm und sagt, dass sie nicht mehr für ihn arbeiten könne, da ihre jüdische Großmutter dagegen wäre. Weil Hitler viel an seiner Sekretärin liegt (und sie nicht sofort wegen ihrer jüdischen Vorfahren feuert), sucht er das Gespräch mit ihrer Großmutter und möchte sie überzeugen, dass die Arbeit ihrer Enkelin für ihn unverzichtbar ist.
Dabei wird er erstaunlich sentimental und knickt ein als die alte Frau ihn mit Fotos ihrer Familie und den Gräueltaten der Vergangenheit konfrontiert.
Nicht nur, dass das Verhalten an dieser Stelle einfach nur unrealistisch wird, sondern auch, dass der Schauspieler in dieser Szene vollkommen aus seiner Rolle fällt, hat mir nicht gefallen. Ob inszeniert oder nicht, es passt einfach nicht zu der eigentlichen Härte, die sonst im gesamten Stück durchgezogen wird. Ich hatte das Gefühl, dass der Schauspieler fast schon privat sprach, da er den Duktus und das rollende „R“ nicht mehr beibehielt.

Auch die Schlägerei machte im Gesamtzusammenhang wenig Sinn, zudem war unklar wer Hitler zusammenschlägt, beziehungsweise welche politische Gesinnung die Gruppe hat.
Sinn hin oder her, das Schlussbild war wie gesagt einprägsam in seiner Schlichtheit. Man wurde den Gedanken daran nicht los und genau das ist glaube ich auch der Effekt, den der Regisseur Axel Schneider damit erzeugen wollte.
Dass Hitler immer noch in vielen Köpfen Unruhe stiftet und die Menschen nach wie vor beeinflusst. Man hatte durch die letzte Szene bei der sein Herzschlag an die Hinterwand projiziert wurde das Gefühl, dass dieser Mann einfach nicht tot zu kriegen ist.

Trotz der Szene mit der jüdischen Großmutter fand ich den Hauptdarsteller Kristian Bader überzeugend und deutlich besser als die meisten der Nebenrollen. Die waren teilweise zu überzogen und unrealistisch gespielt. Vielleicht bin ich aber was diese Sache angeht etwas sensibler, da ich selbst schon zu hören bekommen habe, ich würde zu groß spielen und achte deswegen mehr darauf bei anderen Schauspielern.
Ich kann mir allerdings auch vorstellen, dass Theater an den staatlichen Schauspielhäusern einfach nochmal ganz anders funktioniert. Deswegen bin ich sehr gespannt darauf nächste Woche in die Schaubühne zu gehen um Lars Eidinger zu sehen.

*Foto © G2 Baraniak

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