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Medea – Mutter oder Monster?

Gepostet in Inspirationen

Rezension zu „Mamma Medea“ von Tom Lanoye am Rheinischen Landestheater in Neuss

 

Eine Frage, die Tom Lanoye schon im Titel seiner Adaption des antiken Klassikers bis hin zur letzten Szene des Stücks stellt – und nicht beantwortet.

Die Königstochter von Kolchis Medea (Juliane Pempelfort) verlässt aus Liebe zu dem Griechen Jason (Philipp Alfons Heitmann) ihre Heimat, verrät ihre Familie und wird zu einer Geflüchteten. Sie landet in einem neuen Königreich – in dem sie nie wirklich ankommt – wo sie isoliert ist und schließlich sogar von ihrem Ehemann und einzigem Vertrauten im Stich gelassen wird.

Ein Mann, der sie benutzt und einst einmal ehrlich geliebt hat, jetzt aber eine neue, machtvollere Verbindung eingehen und Medea mit den gemeinsamen Kindern loswerden will.
Eine Frau, die alles verloren und geopfert hat und von dem Traum einer Familie, eines neuen Lebens, einer neuen Heimat, bitter enttäuscht wurde.

Der Text, die Inszenierung (Ronny Jakubaschk) und die Schauspielerin Juliane Pempelfort zeichnen eine Protagonistin, die bereit ist für ihre Rache alles zu tun. Medea hat außer ihrer Kinder nichts mehr und ist in ihrer Verzweiflung bereit sich selbst dieses Letzte zu nehmen, nur um ihrem Mann den größtmöglichen Schmerz zuzufügen.

Was für eine Wut, welche Verletzung muss in dieser Frau liegen?
Nach dem Zeitsprung und Wendepunkt ab dem zweiten Akt, sehen wir Medea eingesperrt in einer Küche stehen, wie sie innerlich kocht und fast zerreißt. In dem Dialog mit Jason – einer erschöpften Diskussion, wie man sie sich nur in einer langjährigen Ehe vorstellen kann. In dem Gespräch mit Kreusa (Anna Lisa Grebe) – der Frau die an Medeas Stelle treten soll.

Medea mit Kreusa in der Küche.

Besonders in dieser Szene, in der Kreusa durch ihre unfassbare Naivität und Hochnäsigkeit so provokativ auftritt, möchte man Medea schütteln und anschreien, etwas zu tun.
Doch sie bewahrt die Contenance, bis zum Schluss. Schneidet mit einem riesigen Messer den Kuchen an mit einer Ruhe, die fast nicht auszuhalten ist.

Die Morde bekommt das Publikum nur indirekt mit. Was fehlt ist der Ausbruch. Selbst als Medea die Nachricht bekommt, dass ihr Plan aufgegangen und Kreusa tot ist.
Stille, Kälte, Regungslosigkeit.
Erst als sie zu guter Letzt den schlimmsten Teil ihres Plans beschließt und sich vornimmt ihre Kinder zu töten, bricht sie in Tränen aus. Doch selbst dabei behält sie die Kontrolle und das letzte bisschen Würde. Kann man diese Würde in so einer Situation überhaupt noch behalten?

Mir fehlte als Zuschauer die Befriedigung, zu sehen wie Medea eben diese Kontrolle verliert, alles klein macht und diese schreckliche Einzimmerwohnung auseinandernimmt.
So gesehen, nimmt man das Stück noch lange mit nach Hause, weil die Spannung nicht richtig aufgelöst wird und es in einem weiter brodelt.

Ob das nun eine Sache der Inszenierung oder volle Absicht ist, bleibt offen.
Genau wie das Ende, in dem Tom Lanoye keine Antwort auf die Frage gibt, ob Medea nun ihre Kinder umgebracht hat oder nicht.

*Foto © Björn Hickmann/Stage Picture

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