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CBI Workshop Berlin

Gepostet in Jobjagd

Beim Filmstammtisch Berlin habe ich eine Australierin kennengelernt. Von dem Moment, an dem ich ihren Akzent hörte, war die Frau nicht mehr sicher vor mir. Seit meinem Australien-Aufenthalt nach dem Abitur (wer hätte es gedacht, ich war einer von vielen Backpackern), freue ich mich immer wieder über echte Landsmänner/frauen. Was ich erst später erfuhr: Charmaine ist die Koordinatorin der CBI-Workshops in Berlin und bat mich im Laufe des Abends Teil des Workshops zu werden. Ich hatte zuvor noch nicht von CBI (Character-Based Improvisation) gehört. Dieser Workshop wird vom ebenfalls australischen Filmregisseur, Autor und Dozent Robert Marchand angeleitet und organisiert. Hier mehr Infos sowie ein interessantes Interview mit ihm.

Improvisiert habe ich schon oft in verschiedenen Theatergruppen, aber nicht mit einer richtigen Methode dahinter. Da ich sehr offen für alle Arten von Projekten bin und mir Improvisation immer sehr viel Spaß macht, sagte ich zu.
Wer sich darunter nicht so viel vorstellen kann, hier ein kleiner Ausschnitt aus dem Duden:

Improvisation, die
ohne Vorbereitung, aus dem Stegreif Dargebotenes

Falls dir das nicht wirklich weitergeholfen hat, dann lies einfach weiter.
Es gibt verschiedene Arten von Improvisation. In der Theatergruppe, in der ich sozusagen „groß geworden“ bin, haben wir meist ein kleines Impro-Spiel zum Warm-Up gemacht. Dabei steht die Gruppe in einem Kreis und der Fokus liegt immer auf 2 Personen. Jemand beginnt und spielt seinen rechten Nebenmann an. Die anderen schauen dabei zu. Die Person, die beginnt, denkt sich dabei irgendeine Situation aus. Zum Beispiel hat man gehört, dass der Hund des Spielpartners angefahren wurde. Die Person die angespielt wird, weiß natürlich vorher nicht, was der andere sich ausgedacht hat und muss spontan darauf reagieren. Wichtig ist dabei, sich auf die Situation einzulassen. Man darf nie verneinen und zum Beispiel einfach sagen, dass man aber gar keinen Hund hat. Das ist die einzige Regel, die es beim Improvisieren gibt und sonst kann man eigentlich nicht so viel falsch machen. Die Szene muss ein authentisches Ende finden (man sollte sich nicht einfach wegdrehen oder nicht mehr antworten, sondern in der Rolle einen Grund finden, warum man das Gespräch beenden muss). Die Person die vorhin noch angespielt und etwas überrumpelt wurde, muss sich jetzt wieder an ihren nächsten Partner mit einer weiteren ausgedachten Situation wenden. Und das geht immer so weiter.

Das spannende dabei ist, dass alles anders kommen kann, als man es sich vorher zurechtgelegt hat. Und das ist auch genau der Trick dabei. Dass man sich nicht zu sehr auf die Geschichte die man im Kopf hat versteift, sondern spontan ist und offen bleibt für die Impulse und Reaktionen, die der Mitspieler gibt. Zum Beispiel wenn man erwartet hat, dass der Hund wieder wohlauf ist, dein Gegenspieler aber sagt, dass er den Unfall leider nicht überlebt hat. Dann kannst du nicht einfach so tun, als ob du in der Nachbarschaft etwas anderes gehört hättest. Naja, schlechtes Beispiel, eigentlich könntest du das schon tun, aber wenn du alles auf diese Weise abblockst, kommt die Szene eben nicht sehr weit.

Beim CBI-Workshop lief das natürlich ganz anders ab. Beziehungsweise die Umstände der Improvisation waren besonders und herausfordernd. Und auch der zeitliche Rahmen. Damit wurde das Ganze zu einer neuen Erfahrung, die ich so auch noch nicht gemacht hatte.
Das Ding ist folgendes: Bevor der Workshop losging trafen wir Schauspieler uns in Einzelgesprächen mit Robert und Charmaine. Wir bekamen eine feste Rolle zugeteilt, mit festen Charaktereigenschaften, eigenem Namen, Geburtsdatum und Hintergrund. Wir bekamen eine Zeit und einen Ort genannt, an dem wir in unserer Rolle auftreten sollten. Ich wusste grob, in welche Situation mein Charakter dort kommen würde

Meine Freundin Carla wollte sich unbedingt mit diesem Typen Theo treffen. Ich (Katharina Schmitt) sollte als Unterstützung mitkommen und wusste, dass ich ohnehin nur das dritte Rad am Wagen sein würde. Um das zu vermeiden, sollte Theo seinen Freund Max mitbringen. Kurz bevor ich am Café ankam, bekam ich eine Whatsapp von Carla. Sie und Theo hatten sich zufällig in der U-Bahn getroffen und waren kurz darauf auf dem Weg zu ihrer Wohnung. Na toll. Sie sagte mir, ich solle trotzdem mal zum Café gehen und Max kennenlernen, vielleicht ist er ganz okay. Der arme Kerl war ahnungslos, dass wir nur zu zweit sein würden.

Das Interessante an dieser Improvisation war, dass ich Max beziehungsweise den Schauspieler von Max vorher noch nie gesehen hatte. Rob hatte mir zwar ein Foto geschickt, aber die Situation bekam durch diese Umstände eine ganz andere Art von Echtheit. Ich kam also ins Café und sah jemanden, der Max sein musste. Ich stellte mich in meiner Rolle als Katharina vor und die peinliche Situation begann und wurde noch verschlimmert, als ich nach einiger Zeit zugab, dass Carla und Theo nicht mehr auftauchen würden. Doch es blieb nicht nur beim üblichen Smalltalk.
Ein wichtiger Aspekt beim CBI ist das Element der Überraschung. Die Situation wurde so eingefädelt, dass zwei weitere Schauspielerinnen (Schwester und Mutter von Max), von denen ich nichts wusste, „zufälligerweise“ das Restaurant betraten. Ich erkannte sie natürlich nicht, da ich niemanden im Vorhinein gesehen hatte, aber Max stellte Katharina diese beiden Charaktere vor. Hierauf musste meine Figur erst mal reagieren, entscheiden, ob sie es gerade gut oder schlecht findet, dass dieses Date auf einmal zum Familientreffen avanciert und generell zu wissen, was sie von dieser ganzen Situation halten soll.

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Rob in action bei einem Vortrag

Robert, Charmaine und die Teilnehmer, die den Workshop als Regisseure besuchten, beobachteten die Szene (und auch Szenen anderer Schauspieler, die sich um uns herum abspielten) und die Entwicklung und Reaktionen der unterschiedlichen Rollen. An einem bestimmten Punkt forderte Rob, der vorher im Hintergrund geblieben war und von uns nicht beachtet wurde, uns dazu auf aus den Rollen zu treten. Wir nahmen uns einen Moment Ruhe und kehrten wieder in unsere richtigen Persönlichkeiten zurück. Es war fast schon witzig, als ehemals Max sich nach einem ca. 1-stündigen Gespräch dann als Jan vorstellte und plötzlich ganz anders auftrat.

Ein paar Tage später sollte ich wieder zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort sein. Die Situation und die Menschen waren ganz andere, meine Rolle war aber nach wie vor Katharina.
Es waren bereits ein paar Monate vergangen, aus der Sache mit Max war nichts geworden und Katharina hatte sich auf eine Affäre mit einem älteren Mann eingelassen. Auch das war nichts mit Zukunft und sie hatte seit mehreren Wochen nichts mehr von ihm gehört. Vor ein paar Tagen hatte sie einen Brief von einem Rechtsanwalt bekommen, mit einer überraschenden Nachricht.
Nun war sie auf dem Weg in die Kanzlei in Berlin Mitte und hatte absolut keinen Schimmer was für eine Situation und Menschen dort auf sie zukommen würden.

Ich möchte jetzt auch gar nicht genauer auf die ganze Szene eingehen, das würde den Rahmen dieses Artikels sprengen.
Ich kann nur so viel sagen: Es kamen wieder eine Menge neue Gesichter und unerwartete Wendungen auf meine Rolle zu, die sie sich vorher nicht hätte träumen lassen.

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Unser Gruppenfoto

Der ganze Workshop hat wirklich Spaß gemacht und es war ein ganz neues Level von Improvisation, das ich kennenlernen durfte. Dadurch, dass man die anderen Schauspieler nicht kannte und jeder einen ganz eigenen Hintergrund und eigene Informationen hatte, bekam die ganze Szene eine richtige Echtheit.
Ich habe viele interessante und internationale Bekanntschaften gemacht, mit denen ich noch ein nettes Pläuschchen gehalten habe, als wir nach dem Workshop zusammen Essen gegangen sind.

Es war echt eine tolle Erfahrung und irgendwie bin ich im Nachhinein den Gedanken nicht losgeworden, dass es verdammt witzig ist, wenn so viele erwachsene Menschen zusammen kommen und in andere Rollen schlüpfen und sich dabei ernst nehmen.
Wie Kinder, die Mutter, Vater, Kind spielen, aber mit einer Ernsthaftigkeit, die Pänz eben nicht haben.
Im Prinzip passiert beim Film und im Theater ja nichts anderes. Nur, dass bei uns eben das öffentliche Publikum gefehlt hat. Oder die Kamera vor uns. Oder die Bühne unter uns.

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